Industrie 4.0: Wie begegnen deutsche Unternehmen dem digitalen Wandel?

Autor: Martin Kundt

Der deutschen Industrie war im internationalen Vergleich stets eine Pole Position sicher. Das Feld der Wettbewerber schien bekannt, die Eintrittsbarrieren für neue Marktteilnehmer hoch.

Doch in den vergangenen Jahren begann die Digitalisierung an den alten Grundfesten zu rütteln. Unter Schlagworten wie Industrie 4.0 und Internet der Dinge begann die Industrie weltweit über eine Transformation ihres Geschäfts zu diskutieren. In der öffentlichen Wahrnehmung verfestigte sich der Eindruck, die deutschen Unternehmen fielen auf dem Feld der Digitalisierung hinter den Wettbewerb zurück. Diverse Studien wollen dieses Zurückbleiben auch mit Zahlen belegen. Grund genug einen Blick auf die deutschen Industrieverbände zu werfen. Wie bewerten sie den digitalen Wandel und welche Unterstützung bieten sie ihren Mitgliedern an?

Auf Tour mit digitalen Maschinen- und Anlagenbauern

Industrie 4.0 für seine Mitglieder erlebbar zu machen, hat sich der Verband der Anlagen und Maschinenbauer (VDMA) auf die Fahnen geschrieben. Mit der „Factory Tour I40“ bietet der Verband eine Austauschplattform, auf der sich Mitgliedsunternehmen gegenseitig ihre Best Practices vorstellen können. Das je gastgebende Mitglied stellt seine Industrie 4.0-Projekte in den eigenen Räumlichkeiten vor, um diese anschließend mit den anderen Mitgliedern zu diskutieren. Formate wie die Factory Tour scheinen in Zeiten des digitalen Wandels besonders gefragt zu sein. Schließlich ist die Unsicherheit über den richtigen Weg noch groß und der Bedarf an anschaulichen Praxisbeispielen entsprechend ausgeprägt. Wer es etwas strukturierter mag, kann im Leitfaden Industrie 4.0 nachlesen, welches Vorgehen der VDMA seinen rund 3.200 Mitgliedern bei der Digitalisierung empfiehlt. Darin heißt es: „Die Lösungsansätze von Industrie 4.0 können grundlegende Änderungen in der eigenen Produktion oder der Gestaltung von Geschäftsmodellen bedeuten. Es ist daher eine notwendige Voraussetzung, dass die Entscheidung zur Umsetzung von Industrie-4.0-Lösungsansätzen im Unternehmen von der Führungsebene initiiert wird und die Projekte entsprechend personell besetzt werden.“

Kurz erklärt: Industrie 4.0

Hinter dem Sammelbegriff „Industrie 4.0“ verbergen sich verschiedene Technologietrends, welche die Prozesse, Produkte und Dienstleistungen der Industrie zukünftig prägen werden. Im Vordergrund stehen hier insbesondere das Internet der Dinge, Big Data und Smart Automation. In der Industrie hat sich eine Systematik etabliert, welche die industrielle Entwicklung in vier Zeitalter einteilt: Angefangen bei der Mechanisierung, über die Massenproduktion und die Automatisierung, bis hin zu Digitalisierung. Die Nummerierung nach dem Schema x.0 ist der IT-Branche entlehnt und erinnert an die in der Software übliche Versionsnummerierung. Dadurch wird auch die Nähe von Industrie 4.0 zu digitalen Technologien unterstrichen.

Automobilbranche: Big Data – Big Investment

Wie sich die Digitalisierung auf die Mobilität der Menschen auswirkt, diskutiert der Verband der Automobilindustrie (VDA). Ein Fokus liegt hier auf der Vernetzung von Verkehrsteilnehmern und Verkehrsinfrastruktur. Die Idee: Je mehr Daten zu Fahrverhalten und Verkehrslage vorhanden sind und je präziser diese ausgewertet werden können, desto besser lassen sich Verkehrsströme leiten und Umweltbelastungen verringern. Auch an Konzepten des autonomen Fahrens, die hohe Einsparpotentiale in der Logistik erbringen sollen, wird mit Hochdruck gearbeitet. Dass die technische Realisierung dieser Konzepte mit hohem Forschungs- und Entwicklungsaufwand verbunden ist, versteht sich nahezu von selbst. Der VDA ist jedoch überzeugt, dass seine Mitglieder die notwendigen Investitionen keineswegs scheuen. So erklärt Verbandspräsident Matthias Wissmann: „Unsere Unternehmen investieren in den nächsten drei bis vier Jahren weitere 16 bis 18 Milliarden Euro in Technologien der Digitalisierung.“

Chemische Industrie digitalisiert die Landwirtschaft

Für die deutschen Chemieunternehmen ordnet der Verband der Chemischen Industrie (VCI) die Digitalisierung in die Entwicklungsgeschichte der Branche ein. In seinem Chemie Report erklärt der Verband, wie sich die chemische Industrie von der Kohlechemie über die Petrochemie und Spezialchemie zur Chemie 4.0 entwickelt hat. Angetrieben durch die digitale Revolution aber auch durch Klimaschutz- und Nachhaltigkeitsdebatten arbeitet die Industrie an einer fortschreitenden Digitalisierung und Vernetzung ihrer Produktion. Neue Sensoren sollen Daten erheben, anhand derer Anlagen vorausschauend gesteuert werden können. Auch in der Landwirtschaft soll die Gewinnung und Auswertung von Big Data helfen, Pflanzenschutzmittel noch effizienter einzusetzen – Stichwort: „Digital Farming“. VCI-Präsident Dr. Kurt Bock sieht entsprechend große Potentiale in der Chemie 4.0: „Die Möglichkeit, dass Anlagen über Unternehmensgrenzen hinweg miteinander digital vernetzt werden können, eröffnet Chancen für innovative Geschäftsmodelle.“ Doch er weiß auch: „Noch stehen wir hier am Anfang.“

Das Rennen hat gerade erst begonnen

Wie die Beispiele zeigen, tritt die deutsche Industrie der Digitalisierung durchaus selbstbewusst gegenüber. Auf Messen und Verbandstreffen werden immer neue Entwicklungen präsentiert und beachtliche Umsatzpotentiale prognostiziert. Doch unabhängig davon, wie gut die einzelnen Branchen im Vergleich zum internationalen Wettbewerb tatsächlich aufgestellt sind, herrscht weitestgehend Einigkeit, dass man in Sachen Digitalisierung noch einen weiten Weg vor sich habe. Wie gut sich die Unternehmen in diesem Rennen schlagen werden, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt also noch gar nicht beantworten. Nur so viel scheint sicher: Eine Industrie, die sich von der Digitalisierung unberührt zeigt, gibt es nicht.