(K)eine Angst vor der Digitalisierung

Autor: Wilke Riesenbeck

Wenn ich am Abend mein ganzes Zuhause mit nur einem Tastendruck auf dem Smartphone in ein angenehmes Licht tauchen kann, dann ist das zunächst einmal eine feine Sache. 

Auch wenn ich später beim Zubereiten des Abendessens meinem digitalen Assistenten per Sprachsteuerung befehlen kann Milch auf die Einkaufsliste zu setzen, wird mein Alltag wieder ein Stück bequemer. Doch was im Privaten Begeisterung und Bastelleidenschaft auslöst, treibt im Beruflichen tiefe Sorgenfalten auf die Stirn. Denn die von der Digitalisierung ausgelöste Automatisierung bedeutet eben oft auch, dass viele menschliche Tätigkeiten überflüssig werden.

Den Arbeitsmärkten in Deutschland und der Welt steht also ein radikaler Wandel bevor.

Wie stark die Digitalisierung die Arbeitswelt tatsächlich verändert, untersucht das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Die der Bundesagentur für Arbeit unterstellte Forschungseinrichtung spricht konkret vom „Substituierbarkeitspotenzial“ eines Berufs, sprich dem Ausmaß in dem menschliche Tätigkeiten von Computern und Maschinen ersetzt werden können. Eine 2018 angestellte Berechnung des IAB zeigt, „dass 2016 ein Viertel  – also fast 8 Millionen – der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Berufen arbeitet, in denen mindestens 70 Prozent der anfallenden Tätigkeiten von Computern oder computergesteuerten Maschinen erledigt werden könnten (http://doku.iab.de/kurzber/2018/kb0418.pdf). Dabei gilt: Je geringer das Qualifizierungsniveau, desto höher das Substituierbarkeitspotenzial. Während in Helferberufen ca. 58 % aller Tätigkeiten von Computern übernommen werden könnten, sind es bei Expertenberufen nur 24 %. Neue Technologien und immer intelligentere Systeme haben die Ersetzbarkeit dabei kontinuierlich ansteigen lassen. In den Helferberufen stieg das Potential gegenüber dem Jahr 2013 um satte zwölf Prozentpunkte. Dass sich dieser Trend durch immer intelligentere Maschinen weiter fortsetzen wird, mag wohl niemand ernsthaft bezweifeln.

Wie schnell ganze Berufe von der Digitalisierung dezimiert werden, wird jeder Über-Dreißigjährige selbst beobachtet haben. Wann waren Sie etwa zum letzten Mal in einem Fotolabor, um ihre Urlaubsfotos entwickeln zu lassen? Digitalkameras und später Smartphones sowie günstige Fotodrucker haben den Gang ins Fotolabor nahezu überflüssig gemacht. Branchenprimus Cewe Color etwa halbierte die Zahl seiner Fotolabore und entließ 3.700 Mitarbeiter, um sich für die Digitalfotografie neu aufzustellen (https://www.capital.de/wirtschaft-politik/die-kunst-des-comebacks-cewe-color). Mit digitalen Fotostationen in Kaufhäusern und Drogeriemärkten sowie mit digital konfigurierten Fotobüchern schaffte das Unternehmen zwar den Weg aus der Krise. Doch weder für die Bedienung einer Fotostation, noch für die Erstellung eines Fotobuches benötigt der Kunde menschliche Hilfe.

Weitere Berufsgruppen, die sich zunehmend Sorgen um ihren Beruf machen werden, sind Kraft-, Bus- und Taxifahrer. Denn seit vielen Jahren experimentieren Fahrzeughersteller bereits mit dem autonomen Fahren und machen dabei beachtliche Fortschritte. Im Vergleich zur Fotografie ist das autonome Fahren natürlich um einiges komplexer und mit allerlei Sicherheits- und Ethikbedenken versehen. Dennoch sind selbstfahrende LKW, Busse oder Taxis längst keine Utopie mehr. So erproben etwa die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) selbstfahrende Busse auf dem Gelände der Charité. Einen kurzfristigen Arbeitsplatzverlust sieht Sigrid Nikutta, Vorsandsvorsitzende der BVG, zwar noch nicht – dafür sei die Verkehrssituation der Berliner Innenstadt noch zu komplex. Doch dürfte wohl jedem klar sein, dass die Beförderung auf Krankenhausgeländen nicht das Endziel solcher Pilotversuche ist.

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Was die Beispiele zeigen ist, dass Digitalisierung auch Verlierer kennt. Diese sind zumeist Menschen mit einem geringen Qualifizierungsniveau und damit oft die Schwächsten der Gesellschaft. Natürlich ist es richtig, dass Digitalisierung auch neue Jobs schafft, allerdings eher in den höherqualifizierten Berufen und den IT-lastigen Branchen. So wird wohl niemand einer Fotolaborantin oder einem Kraftfahrer nahelegen wollen, sich auf die Stelle einer Anwendungsentwicklerin oder eines Systemadministrators zu bewerben. Damit soll nicht gesagt sein, dass Menschen nicht fähig wären, sich in neue Berufe einzuarbeiten. Der Sprung zwischen technologiefernen und technologienahen Tätigkeiten ist jedoch zu weit, als dass dieser mit ein paar Stunden in der Abendschule bewältigt werden könnte.

Folgerichtig sieht sich die Politik in der Verantwortung die Menschen beim digitalen Arbeitswandel zu unterstützen. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil erklärt: „Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von heute auch die Arbeit von morgen machen können.“ (https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/qualifizieren-fuer-den-digitalen-wandel-1523718) Die Bundesregierung hat daher das Qualifizierungschancengesetz beschlossen, welches es Unternehmen erlaubt, einen Teil der betrieblichen Weiterbildungskosten vom Staat finanzieren zu lassen. Auch die Beratungsangebote sollen ausgebaut werden. Ein solches Gesetzt allein wird den Wandel des Arbeitsmarktes für die Beschäftigten wohl kaum abfedern können. Es kann vielmehr nur ein Baustein einer langfristig angelegten Qualifizierungsoffensive sein.

Für alle, die in ihren Unternehmen mit der Digitalisierung betraut sind, muss vor allem eines gelten: Nehmt die Sorgen der Menschen ernst.

Wer heute Bedenken gegenüber der Digitalisierung äußert, wird schnell als Zukunftspessimist oder ewig Gestriger verschrien. Doch die genannten Zahlen und Beispiele zeigen, dass sich Digitalisierungsängste nicht einfach so wegwischen lassen. Stattdessen müssen wir auf die Menschen eingehen und gemeinsam nach Lösungen für die anstehenden Herausforderungen suchen. Enabling und Change Management werden dabei eine zentrale Rolle spielen. Nur wenn wir unsere Mitarbeiter und Kollegen Schritt für Schritt durch den Wandel begleiten, können wir sie für eine digitale Zukunft begeistern.